Die Alligatorpapiere



"Krimis in Deutschland und Frankreich –
Spiegel der Gesellschaft?"


Roman noir : Geschichte und Verbrechen
Von Elfriede Müller


Ich möchte die These aufstellen, dass der Roman noir eine französische Antwort auf die zentralen Fragen der Kritischen Theorie – auch Frankfurter Schule genannt – darstellt. Im folgenden möchte ich diese These an einigen für beide Genres zentralen Haltungen und Fragestellungen erläutern. Die Frankfurter Schule entwickelte eine interdisziplinäre Gesellschaftstheorie, deren Denken um die gescheiterte Weltrevolution und die Niederlage der Arbeiterbewegung und linker Utopien kreist. Wie der Roman noir nach der gescheiterten Revolte von 1968 anfängt sich zu verändern und das Scheitern literarisch thematisiert, bildet der Sieg des Nationalsozialismus und später Auschwitz den theoretischen Fokus der Frankfurter Schule. Die Geschichte dieser Theorie und ihrer Akteure ist wie die des roman noir eng mit der Barbarei, aber auch mit den Hoffnungen des letzten Jahrhunderts verwoben.

Da es sich hier und heute um eine Tagung von Krimiexperten handelt und nicht von Philosophen, werde ich einige Sätze zur Kritischen Theorie an den Anfang stellen.

Das Institut für Sozialforschung wurde am 3. Februar 1923 gegründet. Es bekannte sich zum Marxismus und zur Arbeiterbewegung. Es war parteipolitisch nicht gebunden, gleichwohl lagen die Sympathien zunächst eindeutig bei der KPD. Die Originalität des Instituts bestand nicht nur in ihrer damaligen Unabhängigkeit vom offiziellen Wissenschaftsbetrieb, sondern gerade auch in der Propagierung eines unorthodoxen Marxismus, der die Erkenntnisse der Psychoanalyse mit einbezog. Das Institut erforschte die Gründe des Scheiterns der deutschen Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, und noch heute lesen sich die Untersuchungen über die Arbeiterbewegung vor dem Nationalsozialismus wie hellsichtige Prognosen über deren bevorstehende definitive Niederlage. Ihre Ablehnung gegen hermetische philosophische Systeme erlaubte es ihnen, in düsteren Zeiten den Marxismus weiterzuentwickeln und ihn davor zu bewahren, mit seiner realsozialistischen Orthodoxie auf dem Misthaufen der Geschichte zu landen. In gewissem Sinne war die Kritische Theorie eine antistalinistische Position, die den freiheitlichen und individualistischen Impuls des Marxismus vor dem Realsozialismus in Schutz nahm. Der Name "Frankfurter Schule" wurde der Kritischen Theorie in den 60er-Jahren angeheftet. Bezeichnet wurde damit eine kritische Gesellschaftstheorie, die sich zwischen Soziologie und Philosophie bewegte, die in der Gesellschaft eine widersprüchliche Totalität sah und sich als Erbin von Hegel und Marx begriff. In Frankreich war lange Zeit vor allem Herbert Marcuse als Theoretiker der neuen Massenavantgarde, als die er die 68er-Bewegung analysierte, bekannt. Die anderen Namen wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, Leo Löwenthal und andere wurden in Frankreich erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt1. So stellte Michel Foucault 1983 fest: "Wenn ich die Frankfurter Schule rechtzeitig gekannt hätte, wäre mir viel Arbeit erspart geblieben. Manchen Unsinn hätte ich nicht gesagt und viele Umwege nicht gemacht, als ich versuchte, mich nicht beirren zu lassen, während doch die Frankfurter Schule die Wege geöffnet hatte.hatte.2"

Meine These, das der Roman noir die Spuren der verlorenen revolutionären Möglichkeiten und Schlachten des letzten Jahrhunderts mit der Vorgehensweise der Kritischen Theorie verfolgt, möchte ich mit den folgenden Ausführungen zur Diskussion stellen.

Der negative Impuls angesichts der Barbarei des letzten Jahrhunderts bildet den Ausgangspunkt für den Roman noir und die Kritische Theorie. Beide wandeln auf dem schmalen Grat zwischen der Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft und der Hoffnungslosigkeit angesichts der Barbarei. Roman noir und Kritische Theorie sind ihr aufmerksamer Zeitzeuge und ihr kollektives Gedächtnis.

Der französische roman noir unterscheidet sich fundamental von den herkömmlichen Kriminalromanen. Wie der Kritischen Theorie ist dem roman noir die Gesellschaft ein Skandal, wie sie findet er in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft die Gründe für die Verbrechen der Gegenwart und wie sie geht er davon aus, dass Versöhnung durch Aufklärung des Verbrechens allein nicht erreicht werden kann. Diese neuen Krimis wenden sich gegen den traditionellen Detektivroman, der die bloße Auflösung des Verbrechens in den Mittelpunkt stellt, um Gesellschaftskritik und detaillierte Beschreibungen diverser sozialer Milieus ins Zentrum eines plots zu stellen, der von einer Versöhnung mit der beschriebenen Welt nicht mehr ausgeht. Die Romane enden nie mit einem happy-end, dem Leser bleibt ein bitterer Nachgeschmack, ein Unbefriedigtsein, dessen Gründe in dieser Gesellschaft zu suchen sind.

Aber die Kritische Theorie und der Roman noir erinnern auch an die Momente, in denen es Grund zur Hoffnung gab – und an die Niederlagen, in denen sie schwand. Beider Absicht ist es Hoffnung und Niederlagen im Gedächtnis zu bewahren. Es ist diese Verknüpfung von Geschichte, Pessimismus und trotziger Hoffnung, die es gerechtfertigt erscheinen lässt, den roman noir als literarische Entsprechung der Kritischen Theorie zu verstehen. Auf unterschiedliche Weise beschreiben beide eine gesellschaftliche Situation, in der ein wenn auch nur potenzielles revolutionäres Subjekt nicht mehr existiert. Sie beschreiben die Leere und die Trostlosigkeit nach dem Scheitern. Es kann nicht oft genug betont werden, dass die Frankfurter Schule und der roman noir theoretische und literarische Produktionen einer tiefen gesellschaftlichen Krise darstellen, deren Wurzeln sie in den historischen Verbrechen suchen.

Aber vor allem, und in diesem Punkt stimmen Kritische Theorie und roman noir erneut überein, finden sie in der Geschichte den Schlüssel für die Erklärung und Interpretation der Gegenwart. Im roman noir werden historische Ereignisse mit individuellen Schicksalen verknüpft, es sind in gewissem Sinne Zeitzeugen, Überlebende die handeln oder andere zum Handeln bringen. Der roman noir besteht mit einer unwiderstehlichen Melancholie darauf, die verpassten Gelegenheiten in der Geschichte zu suchen und lässt sie manchmal im historischen Kontext der Zeit, manchmal als Farce wieder aufleben. Der Nationalsozialismus, der spanische Bürgerkrieg, der Algerienkrieg, 1968 und die Jahre der Linksregierung unter FranVois Mitterrand sind einige der Stationen des roman noir. Desillusion und Beklemmung prägen den Rück- und vor allem den Ausblick.

Im Duktus der Kritischen Theorie kann man sagen, dass der Roman noir eine mögliche Praxis im beschädigten Leben ist, denn wie die Kritische Theorie lehnt er das Hegelsche Prinzip, dass alles was wirklich ist, vernünftig sei, ab. Er politisiert das Verbrechen und damit die Leser, er zeigt, dass die scheinbar individuellen Verbrechen der Gegenwart aus ungelösten Verbrechen der Geschichte herrühren, und er gibt die Hoffnung nicht auf, dass ein Subjekt, wie sehr auch immer deformiert durch die Gesellschaft, in der Lage ist, zumindest die Zusammenhänge zu erkennen. Kurz, es scheint, als habe es sich der roman noir vorgenommen, das Programm der Kritischen Theorie umzusetzen, wie es der Literaturwissenschaftler Leo Löwenthal in einem Gespräch erläutert: "...was ist denn eigentlich das Wesentliche an der Einstellung der Frankfurter Gruppe? Dass man sich nicht für das interessiert, was ›gut‹ ist, sondern für das, was ›schlecht‹ ist, d.h. die Einstellung ist von vornherein eine der kritischen Analyse von Problemen. (...) ...es ist eine kritische Analyse dessen was ›schlecht‹ ist, ausbeuterisch, verfälschend. Wir haben untersucht, was unwahr ist. Ideologiekritik heißt im Grunde genommen (...) das aufzeichnen, was schief ist, falsch ist. (...) die Kritik besteht eben in dieser bestimmten Negation; das kritische Denken spielt sich in einem Rahmen ab, in dem das Ganze kritisiert wird."3

Der Roman noir ist ein kritisches Projekt, das zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit changiert. Das Moment der Hoffnung, das in den französischen Romanen ein größeres Gewicht hat, als in der Kritischen Theorie, kann zum einen aus der unterschiedlichen Generationserfahrung erklärt werden, zum anderen aber verweist es auf einen grundsätzlichen Unterschied zwischen diesen beiden linken Versuchen, über die gescheiterte Emanzipation nachzudenken: Wo die Kritische Theorie methodisch auf den dialektischen Materialismus rekurriert, um die Aporie der Aufklärung verständlich zu machen, wird im roman noir Geschichte diskursiv verhandelt. Geschichte ist in ihm grundsätzlich offen konzipiert. Indem einzelne Figuren oder Autoren dieselben geschichtlichen Konstellationen unterschiedlich einschätzen, einigen sie sich auf die gemeinsame Basis, dass der geschichtliche Prozess nicht auf überindividuelle Prozesse verweist, sondern dass das Resultat einer gegebenen historischen Situation unvorhersehbar ist und unterschiedlich interpretiert werden kann. Auf diese Weise setzt der roman noir das erkennende und handelnde Subjekt, wie deformiert es durch die Verhältnisse auch sein mag, wieder in sein Recht als eigentlichen Protagonisten der Geschichte.

Das vom Roman noir wieder rehabilitierte beschädigte Subjekt ist auch der Kritischen Theorie als nicht unbedingt handelndes, aber erkennendes Subjekt von zentraler Bedeutung. Das kritische Individuum und der "unverdinglichte Rest" in der Kunst bleiben die einzigen Hoffnungsträger. Doch im Gegensatz zur Kritischen Theorie hat auch der traurigste und pessimistischste roman noir einen positiven Bezug. Sah die Kritische Theorie auf Grund des Vormarsches des Stalinismus die Emanzipation als gescheitert an und das historische – handelnde – Subjekt durch den Sieg des Nationalsozialismus als erledigt, politisierten sich viele der Autoren des roman noir in der Mairevolte von 1968. Zwar ist auch dieser Aufstand gescheitert, aber dennoch – er hat stattgefunden. Der roman noir, der mit diesen Autoren entstand, reflektiert diese enttäuschte Hoffnung. Die Ereignisse von 1968 bilden die Folie, vor der die eigene Geschichte als politische und persönliche Niederlage interpretiert wird.

Walter Benjamin forderte vom materialistischen Historiker, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten und sich bewusst zu sein, "dass der ›Ausnahmezustand‹, in dem wir leben, die Regel ist". Wenn es im roman noir ein Moment der Hoffnung gibt, dann paradoxerweise in dieser unbewussten Entsprechung zu Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen. Bei seiner Deutung des Bildes von Paul Klee namens Angelus Novus hatte Benjamin den Aufstieg des Faschismus vor Augen. Der Engel auf diesem Bild hat sein Antlitz der Vergangenheit zugewendet und überblickt mit Grauen die Geschichte, die sich ihm als Aneinanderreihung von Katastrophen darstellt. Das, was Fortschritt genannt wird, ist ihm eine Kette verlorener Schlachten. Dem roman noir ist dieser Blick auf die Geschichte nicht fremd. Auch er sucht in den verlorenen Schlachten, die die Hoffnung der Aufklärung auf eine vernünftige und dem Menschen entsprechende Welt zu verwirklichen suchten, die Gründe für das Fortdauern der Gräuel in der Gegenwart.

1 Cf. Enzo Traverso, L'histoire déchirée. Essai sur Auschwitz et les intellectuels. Les Editions du Cerf, Paris 1997 et Enzo Traverso, Siegfried Kracauer. Itinéraire d'un intellectuel nomade. Editions La Découverte, Paris 1994. Adornos Ästhetische Theorie erschien bereits 1974 in französischer Sprache, Benjamins Passagen-Werk allerdings erst 1989.

2 Foucault/Roulet, Um welchen Preis sagt die Vernunft die Wahrheit? Ein Gespräch. Spuren 1/1983, p. 24.

3 Leo Löwenthal und Frithjof Hager, Gespräche. Geschichte denken. Ein Notizbuch für Leo






Elfriede Müller
Historikerin, Ko-Autorin – mit Alexander Ruoff – von "Le polar français – crime et histoire" (La fabrique éditions, 2002) in dem die Verbindung zwischen Französischem Krimi und Frankfurter Schule hergestellt wird.


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Projektleitung
Katrin Schielke
BBI – Berlin-Brandenburgisches Institut für
deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa e.V. Im Schloss
14974 Genshagen
03378 805914 / 31
schielke@bbi-genshagen.de www.bbi-genshagen.de

Spexial No. 2.
Beiträge zur Kriminalliteratur

Ein Service der Alligatorpapiere.

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"Krimis in Deutschland und Frankreich – Spiegel der Gesellschaft?"

Tagung vom 21. bis zum
23. November 2003
im BBI im Schloss Genshagen





Inhalt

S. 1 Bericht über die Tagung
Eine Zusammenfassung
Von Matthias Drebber

S. 2 Vom Wende-Krimi zur Krimiwende.
Berlinkrimis der letzten Jahre.
Von Christian Jäger

S. 3 Roman noir : Geschichte und Verbrechen
Von Elfriede Müller

S. 4 Grundzüge einer historischen Gattungsbestimmung der "Kriminalliteratur"
Von Burkhardt Wolf

S. 5 Les Premiers Auteurs français du roman noir
Von Claire Gorrara

S. 6 Krimis in der DDR – Agitprop?
Von Wolfgang Mittmann

S. 7 Regionalkrimis
Von Reinhard Jahn

S. 8 Du Détective privé au détective public.
Von Raphaël Villatte

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Tagungsleitung:
Katrin Schielke
Esther Strätz
Pauline Sauzay

Nächste Tagung:
3. + 4.Dezember 2004
Deutsch-französisch-polnisches Krimitreffen
in Genshagen im Berlin-Brandenburgischen Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa e.V.
Informationen: Katrin Schielke/Céline Chanclud 03378805928/14






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